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Willy Brandt - zum 10. Todestag
   
 

Am 08. Oktober 1992 starb Willy Brandt 79-jährig nach schwerer Krankheit in seinem Wohnhaus in Unkel am Rhein nahe Bonn. Hinter ihm lag eine der ungewöhnlichsten und kurvenreichsten Biographien, die das politische Deutschland im 20. Jahrhundert erlebt hat.

Willy Brandt im Alter von drei Jahren

Geboren wurde Brandt als Herbert Ernst Karl Frahm am 18. Dezember 1913 in Lübeck als unehelicher Sohn der Verkäuferin Martha Frahm (1894-1969). Da seine Mutter den Lebensunterhalt sichern muß, wächst Brandt bei seinem vermeintlichen Großvater (daß er nicht der leibliche Vater von Brandts Mutter ist, stellt sich erst später heraus) Ludwig auf, der ihn früh in die Arbeiterbewegung einführt.

Willy Brandt wird 1930 von Julius Leber, damals Reichtagsabgeordneter, später als Widerstandskämpfer nach dem 20. Juli 1944 durch die Nazis hingerichtet, in die SPD geholt. Wenig später wechselt Brandt aber in die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), einer linkssozialistischen SPD-Abspaltung.

Nach der "Machtergreifung" der Nazis 1933 kann Brandt nach Norwegen entkommen. In der Zeit der Emmigration arbeitet er als Schriftsteller und Journalist in der skandinavischen Arbeiterpresse. 1936 leitet er in Berlin, getarnt als norwegischer Student, die Untergrundgruppe der SAP, 1937 nimmt er als Berichterstatter auf Seiten der internationalen Brigaden gegen das faschistische Franco-Regime am spanischen Bürgerkrieg teil. 1938 bürgern die Nazis Brandt aus, er ist bis nach Kriegsende Staatenloser.
Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Norwegen gelingt Willy Brandt, so lautet seit 1937 sein Tarnname, auf abenteuerliche Weise die Flucht nach Stockholm. Zusammen mit dem späteren österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, der ebenfalls im schwedischen Exil lebt, ist er wieder als Journalist tätig. Während des Krieges wandelt sich Brandt vom radikalen Sozialisten hin zu einem gemäßigten, fortschrittlichen Sozialdemokraten, er tritt schließlich der Exil-SPD (sogenannte "SoPaDe") wieder bei. Unmittelbar nach Kriegsende ist Brandt als norwegischer Korrespondent in Berlin und bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg, 1947 wird er Presseattaché an der norwegischen Botschaft in Berlin.

1948 entscheidet sich Willy Brandt gegen eine weitere sichere diplomatische Laufbahn und für die Politik, er wird Vertreter des SPD-Parteivorstandes in Berlin. Er heiratet die Norwegerin Rut Hansen, die ihm nach Deutschland gefolgt war, nachdem Brandt von seiner 1941 geehelichten ersten Frau Carlota Thorkildsen geschieden worden war. Brandt ist Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin und wird 1949 einer der Vertreter Berlins im ersten Deutschen Bundestag. Sein großer Förderer in jenen Jahren ist der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter (1889-1953), der den jungen Politiker Brandt, Gallionsfigur des progressiven Parteiflügels, in der Auseinandersetzung mit den Traditionalisten um Franz Neumann massiv unterstützt. 1955 schließlich wird Brandt Präsident des Abgeordnetenhauses, 1957 Regierender Bürgermeister. Während der tragischen Ereignisse des Mauerbaus in Berlin nach dem 13. August 1961 wird der Regierende Bürgermeister, der mit einer bewegenden Rede vor dem Schöneberger Rathaus die Berliner auf beiden Seiten der Mauer zu Ruhe und Gewaltverzicht aufruft ("Schießt nicht auf Euere Landsleute"), eine politische Figur von internationaler Beachtung.

Brandt an der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor

Er pflegt enge Beziehungen zum damaligen Präsidenten der USA, John F. Kennedy, den er 1963 auf seiner triumphalen Fahrt durch Berlin begleitet (Kennedy: "Ich bin ein Berliner"). Im selben Jahr erzielen Brandt und die SPD bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus einen Stimmenanteil von 61, 9 % und erobern alle Direktmandate in der Stadt. Im folgenden Jahr wählt die SPD den charismatischen Berliner Bürgermeister zum Bundesvorsitzenden. Bei den Bundestagswahlen 1965 erringt die SPD unter dem Spitzenkandidaten Brandt mit 39, 3 % ihren höchsten Stimmenanteil in der deustchen Geschichte überhaupt, für den Regierungswechsel reicht es allerdings nicht. Erst 1966, mit Bildung der Großen Koalition unter Kanzler Kurt-Georg Kiesinger wird die SPD als Juniorpartner Regierungspartei, Brandt wechselt als Bundesaußenminister und Vizekanzler nach Bonn. Zusammen mit seinem langjährigen engen Mitarbeiter Egon Bahr konzipiert er bereits in jenen Jahren eine neue Ostpolitik, die Bahr unter dem Motto "Wandel durch Annäherung" zusammenfasst.


Nach den Bundestagswahlen 1969 (SPD 42, 7 %) reicht es knapp zur Regierungsbildung, zusammen mit der F.D.P. unter Walter Scheel hat die SPD eine Mehrheit im Bundestag. Brandt wird zum ersten sozialdemokratischen Kanzler der Bundesrepublik gewählt. Scheel wird Außenminister und Vizekanzler. Weitere Mitglieder des inzwischen legendären Reformkabinetts sind Karl Schiller als Wirtschaftsminister, Horst Ehmke als Kanzleramtsminister, Helmut Schmidt als Verteidigungsminister, Erhard Eppler als Entwicklungshilfeminister, Käthe Strobel als Familienministerin und Georg Leber als Verkehrsminister. Unter dem Motto "Mehr Demokratie wagen" (Brandt in seiner Regierungserklärung 1969) bringt die sozialliberale Bundesregierung wichtige Veränderungen auf den Weg, so bei der betrieblichen Mitbestimmung, in der Justiz, in der Wirtschafts- und Stabilitätspolitik, im Bildungswesen und in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen.
Den wichtigsten Kurswechsel aber nahm Brandt in der Außenpolitik vor, in der er Entspannung und Gewaltverzichtserklärungen mit den Staaten des Ostblocks anstrebte und erreichte. 1970 werden die ersten entsprechenden Verträge geschlossen: mit der UDSSR am 12. August, mit Polen am 07. Dezember. Für diese Bemühungen erhält Willy Brandt 1971 den Friedensnobelpreis.


Trotz oder wegen seiner engagierten Politik schmilzt die Regierungsmehrheit im Bundestag durch Übertritte einzelner Abgeordneter. Mit einem konstruktiven Misstrauensvotum soll Willy Brandt 1972 gestürzt werden und Rainer Barzel (CDU) an seiner statt Kanzler werden. Wie nie zuvor oder nachher ist die deutsche Bevölkerung politisiert ("Keiner will Rainer !", Parole in der Bevölkerung). Während der Abstimmung über den Misstrauensantrag am 27. April 1972 ruht das Alltagsleben in Deutschland, die Menschen verfolgen die Bundestagsdebatte. Brandt gewinnt, er bleibt Bundeskanzler (erst nach 1989 wird die Einflussnahme der DDR-Staatssicherheit aufgedeckt, von der Brandt erwiesenermaßen nichts wusste). Bei den folgenden Bundestagswahlen wird die SPD mit 45, 8 % (ihr bis heute bestes Ergebnis) erstmals stärkste Partei im Bundestag.

Plakat zur Bundestagswahl 1972

Die sozialliberale Regierung kann ihre Arbeit fortsetzen. Mit Annemarie Renger (SPD) wird erstmals eine Frau Bundestagspräsidentin. Für den erkrankten Brandt führt Herbert Wehner, SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag, die Verhandlungen zur Regierungsbildung, dabei missachtet er die Wünsche Brandts und stellt das Kabinett nach eigenen Vorstellungen zusammen.
Nach wiederholten Auseinandersetzungen mit Wehner in den Jahren 1973 und 1974 tritt Willy Brandt in Folge der Guillaume-Affäre als Bundeskanzler zurück. Nachfolger wird Helmut Schmidt.


In der Folge widmet sich Brandt Fragen der Entwicklungspolitik und der internationalen Zusammenarbeit. Er leitet eine entsprechende Arbeitsgruppe der UNO. 1976 wird er Vorsitzender der Sozialistischen Internationalen (SI).
Privat kommt es zu einer schweren Krise in der Ehe mit Rut Brandt. Die Scheidung folgt 1980, drei Jahre später heiratet Brandt seine Mitarbeiterin Brigitte Seebacher. Nach Auseinandersetzungen um die Besetzung der Stelle eines SPD-Pressesprechers legt Brandt 1987 sein Amt als SPD-Vorsitzender nieder, das er 23 Jahre lang innehatte. Nachfolger wird Hans-Jochen Vogel. Willy Brandt wird Ehrenvorsitzender der SPD.

Willy Brandt verläßt das Parteitagspodium nach seiner Abschiedsrede als SPD-Vorsitzender


Während und nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989 / 1990 wird Brandt zur Symbolfigur für den Einheitswunsch der Deutschen, sein Ausspruch "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört" wird zum Leitsatz der Zeit, seine SPD unter dem Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine folgt im nicht, sie betont die Risiken der schnellen Vereinigung.
1992 legt Willy Brandt wegen schwerer Krankheit den Vorsitz der SI nieder, an deren Kongreß in Berlin kann er nicht mehr teilnehmen, Hans-Jochen Vogel verließt Brandts Abschiedsschreiben an die versammelten internationalen Genossinnen und Genossen. Darin heißt es u.a.: "Unsere Zeit steckt, wie kaum eine andere zuvor, voller Möglichkeiten - zum Guten und zum Bösen. Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum - besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll."


Am 08. Oktober 1992 stirbt mit Willy Brandt einer der größten Staatsmänner Deutschlands im 20. Jahrhundert. Mit seiner kraftvollen Politik der gesellschaftlichen Öffnung und der Annäherung an den Osten hat er die entscheidenden Grundlagen für die erfolgreiche Entwicklung der Bundesrepublik in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und die Wiedervereinigung der Deutschen gelegt. Seine visionäre, progressive und mutige Politik hat ihn noch vor Konrad Adenauer zum beliebtesten Politiker Deutschlands gemacht (so eine Umfrage 2001). Willy Brandt hat seine letzte Ruhe auf dem Waldfriedhof seiner geliebten Wahlheimat Berlin gefunden.

Literatur:
- Schöllgen, Gregor: Willy Brandt - Die Biographie; Propyläen Verlag Berlin, München, 2001
- Merseburger, Peter: Willy Brandt (1913-1992) - Visionär und Realist; DVA Stuttgart, München, 2002

Bundeskanzler Willy Brandt Stiftung

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